Die Währungsunion als Schicksalsunion?

Je länger die Finanz- und Wirtschaftskrise in Griechenland dauert und je mehr Länder die Hilfe des Schutzschirms in Anspruch nehmen, desto mehr wird ein möglicher Austritt Griechenlands aus der Währungsunion diskutiert. Wir realistisch ist dies aus Ihrer Sicht? Denn: Gemäß dem EU-Vertrag von Lissabon ist eine Mitgliedschaft in der Währungszone “unwiderruflich”. Eine Klausel, die den Fall eines Austritts regelt, fehlt. Ist die Währungsunion eine Schicksalsunion bis zum bitteren Ende?

Ich würde davon abraten, über einen Austritt Griechenlands zu mutmaßen: Er würde signalisieren, dass kein Eurostaat mehr vor dem Ausverkauf gefeit wäre. Spekulanten würden die Renditen auf Staatsanleihen Irlands, Portugals oder Zyperns in astronomische Höhen treiben. Spätestens wenn große Eurostaaten wie jetzt schon Spanien oder Italien ins selbe Fahrwasser geraten, wäre Europa mit seinem Krisenlatein am Ende. Das Ergebnis: Der volkswirtschaftliche Super-GAU! So weit muss es nicht kommen. Doch dieses Horrorszenario kann derzeit niemand ausschließen. Selbst wenn die Ansteckung weiterer Eurostaaten ausbleibt, wären die Folgen verheerend: So würde Griechenlands Rückkehr zur Drachme alleine Deutschland schätzungsweise 90 Milliarden Euro, also 3,5 Prozent seiner Wirtschaftskraft, kosten. Griechenlands Bruttoinlandsprodukt würde schätzungsweise um bis zu 25 Prozent schrumpfen. Das Land würde damit seit Ausbruch der Krise knapp die Hälfte seiner Wirtschaftskraft verloren haben- das hält keine Volkswirtschaft aus.

Statt über die juristischen Feinheiten eines griechischen Austritts nachzudenken, müssen Europas Staaten daher alle Hebel in Bewegung setzen, um dieses Szenario zu verhindern. Dringend erforderlich hierzu sind Strukturreformen, wie die Schaffung eines effektiven Steuerverwaltungssystems oder Entbürokratisierung bei Unternehmensgründungen. Auf der anderen Seite muss auch Geld in die Hand genommen werden, um in Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit zu investieren. Dazu gehören die Förderung kleiner und mittelständischer Unternehmen, die Bekämpfung der grassierenden Jugendarbeitslosigkeit sowie Investitionen in den Ausbau von Infrastrukturen in den Bereichen Verkehr oder Energie. All das bedeutet im Umkehrschluss nicht, dass Griechenland seine Hausaufgaben nicht machen müsste. Ums Sparen werden die Griechen nicht herumkommen. Das muss ihnen klar sein, wenn sie bei den heutigen Parlamentswahlen ihr Kreuz setzen. Aber der Rest Europas sollte klugerweise das Signal setzen, das es ein Licht am Ende des Tunnels gibt.