Brüssel reguliert Derivate - Spekulation wird eingedämmt

Derivatgeschäfte sind eigentlich Absicherungsgeschäfte, die realwirtschaftlich vor allem bei Rohstoffen von Bedeutung sind. So sichert sich zum Beispiel eine Fluggesellschaft gegenüber Preisschwankungen für Kerosin ab. Sie einigt sich etwa mit einer Raffinerie darauf, zu einem Stichtag eine bestimmte Kerosinmenge zu einem festgelegten Preis zu beziehen. Liegt der vereinbarte Preis zu diesem Stichtag unter dem Weltmarktniveau, macht die Fluggesellschaft Verluste. Liegt der Preis über dem Weltmarktniveau, macht die Raffinerie Verluste. Trotz des Verlustrisikos liegen die Vorteile für die Raffinerie und die Fluglinie jedoch auf der Hand: Sie haben Planungssicherheit und sichern sich gegenüber künftigen Preisschwankungen ab.

Aus der Absicherung, dem sogenannten ‘Hedging’, wird jedoch eine Wette, wenn es nicht mehr um das realwirtschaftliche Interesse, sondern nur noch um Profit geht. Insbesondere Investmentbanken spekulieren auf sinkende oder fallende Preise, um bei der Einlösung des Derivatgeschäfts Gewinne einzustreichen. Preise können dabei über oder unter den Stichtagspreis getrieben werden, was bereits vorhandene Krisen häufig verschärft. Bisher waren diese Geschäfte kaum oder gar nicht reguliert und für Banken sehr lukrativ. Das erklärt auch, warum der Umfang von Derivatgeschäften mehr als das Zehnfache dessen beträgt, was tatsächlich weltweit an Gütern und Dienstleistungen produziert wird.

Damit soll jetzt Schluss sein. Das Europäische Parlament hat in seiner Plenarsitzung am vergangenen Donnerstag in Brüssel die Verordnung über die europäische Marktinfrastruktur (EMIR) mit breiter Mehrheit verabschiedet. Demnach müssen in Zukunft alle außerbörslich getätigten Derivatgeschäfte an die zuständigen Aufsichtsbehörden gemeldet werden. Neben neuen Informationspflichten wird auch die weit reichende Abwicklung der Geschäfte über so genannte zentrale Clearingstellen (CCPs) eingeführt. Diese übernehmen gegen Gebühr einen Großteil des Kreditrisikos beider Vertragsparteien. Außerdem müssen Sicherheiten in Geldform hinterlegt werden.

Branchenkreise gehen davon aus, dass die Banken infolge der EU-Regulierung künftig 35-40 Prozent weniger am Handel mit außerbörslichen Derivaten verdienen werden. Ich hoffe, dass ist ein Anreiz, sich auf die Geschäfte zu konzentrieren, für die Banken eigentlich da sind: Die Weiterleitung des Geldes von Sparwilligen an Investitionswillige, die Häuser bauen, innovative Geschäftsideen vorfinanzieren oder Maschinen kaufen möchten, um Arbeitsplätze zu schaffen.

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