Ratingagenturen regulieren

Wenn sie den Rotstift auspacken und Noten verteilen, hält die Welt den Atem an. Sie stürzen Staaten in Krisen und lassen die Börse Kapriolen tanzen. Die Rede ist von den Ratingagenturen. Genauer gesagt, von den drei großen der Zunft, Standard & Poor’s, Moody’s und Fitch, die mit ihren Buchstaben AAA bis D über Schicksale ganzer Nationen entscheiden. Doch mit dem Diktat der drei großen Spieler soll endlich Schluss sein. Die EU-Kommission war ausgezogen, um der Macht der amerikanischen Bonitätsprüfer endlich Einhalt zu gebieten. Eigentlich. Denn seit dieser Woche ist klar, dass aus den ehrgeizigen Plänen nur ein Schonprogramm geworden ist.

Selbstverständlich sind die Pläne des Kommissars Michel Barnier richtig, dass Agenturen künftig gegenüber EU-Aufsichtsbehörden nicht nur ihre Bewertungsgrundlage, sondern auch die Preisgestaltung offen legen müssen. Dies soll schließlich verhindern, dass sich die Notengeber für gute Ratings belohnen lassen. Ebenso positiv zu bewerten ist die Verpflichtung zu einem regelmäßigen Bewerterwechsel nach drei Jahren. Das verringert zumindest die Abhängigkeit von den drei Ratingriesen. Aber trotz guter Vorstöße hat die EU-Kommission auf halber Strecke offensichtlich der Mut verlassen. Denn so wirklich hart getroffen, werden die Notengeber nur an einer Stelle: Ratingagenturen sollen für schwerwiegende Fehler hohe Strafen zahlen. Geschädigte Unternehmen und Staaten sollen in diesem Fall gegen die Noten klagen können. Denn nur zu gut ist uns der gravierende Faux-Pas der Ratingagentur Standard & Poor’s ins Gedächtnis eingebrannt. Eine verbreitete Falschmeldung über angebliche Finanzprobleme Frankreichs ließ die Kurse ins Bodenlose stürzen. Doch trotz der verheerenden Wirkung, die ein Urteil auf die Staaten haben kann, konnte sich die EU-Kommission zu keinem temporären Ratingverbot für ganze Volkswirtschaften durchringen. Wenn Ratings nämlich dazu benutzt werden, gegen Staaten anzuspekulieren, müssen sie untersagt werden. Es kann sich nämlich nur um die reine Willkür handeln, wenn die Vereinigten Staaten mit einem doppelt so hohen Defizit wie Italien ständig mit der Bestnote versehen werden, europäische Länder sich mit weniger Schulden aber im abgestuften Ranking wiederfinden. Das Ziel muss daher eine realistische und interessenfreie Risikobewertung sein. Und die ist nur durch eine europäische Agentur möglich. Auch wenn Kritiker behaupten, dass die Eurozone sich mit einer eigenen Institution nur schönrechnen will. Mittel- und langfristig aber bietet dieses Modell sicher die größte Garantie für unabhängige Urteile. Ein europäischer Notengeber bedeutet nämlich auch eine andere Sicht auf die Bonität von Unternehmen und Länder – das wäre eine echte Kampfansage an die Allmacht der amerikanischen Bewerter.