Brüsseler Spitzen - "Weihnachten an jedem Tag"

Dies ist mein letzter Beitrag an dieser Stelle vor Weihnachten, dem Fest der Nächstenliebe. Zu Weihnachten steigt immer das Spendenaufkommen. Man lädt endlich mal die Freunde ein, mit denen man schon lange einen Abend verbringen wollte. Der Postbote und der Müllmann bekommen eine Kleinigkeit zugesteckt. Es ist richtig so und doch eigentlich schade, dass wir uns für diese guten Taten und die Offenheit unserer Herzen diesen einen Feiertag reserviert haben. Sollten wir uns nicht jeden Tag in Nächstenliebe üben, sollte das nicht unser Lebensmotto sein? Wir haben gemeinsame Werte – Toleranz, Hilfsbereitschaft, Gerechtigkeit – aber sie müssen individuell gelebt werden, sonst werden sie mit der Zeit leer und hohl.

Eine junge Frau aus Gelnhausen, Tuĝçe Albayrak, hat uns allen vor kurzem vor Augen geführt, was es heißt, Nächstenliebe immer zu üben – denn Zivilcourage ist nicht nur außerordentliche Hilfsbereitschaft, sondern praktizierte Nächstenliebe, spontan und selbstlos. Menschen, die couragiert in Situationen eingreifen, ohne die Konsequenzen komplett absehen zu können, handeln in dem Moment nur im Sinne ihrer Nächsten, ohne Eigeninteresse.

Tuĝçe, jeder kennt die Geschichte, hat sich mutig vor zwei Mädchen gestellt, um diese vor Belästigung zu schützen und hat dafür mit ihrem Leben bezahlt. Mitte November, frühmorgens, in einem McDonalds in Offenbach-Kaiserlei. Tuĝçe hat uns gezeigt, dass es nicht den richtigen Ort und den richtigen Zeitpunkt gibt für Nächstenliebe, es gibt nur die richtige Einstellung. Dieses individuelle Handeln schützt unsere gemeinsamen Werte, die Basis unserer Gesellschaft. Wir brauchen Menschen wie Tuĝçe Albayrak, um unsere Gesellschaft so zu erhalten und gestalten, wie wir sie uns denken: offen, tolerant und demokratisch.

Wie sieht also der 29. Dezember aus? Oder der 13. Januar? Haben wir dann immer noch ein Lächeln und ein paar nette Worte für die Kassiererin im Supermarkt übrig? Können wir immer noch ein paar Münzen entbehren für den frierenden Obdachlosen? Spenden wir immer noch Spielzeug, laden Freunde ein, verbringen mehr Zeit mit Menschen, die uns nahe sind? Haben wir den Mut und das Herz, einzugreifen, wenn andere Menschen in Not sind? Ich wünschte mir für uns alle, jeden Tag wäre Weihnachten. In diesem Sinne für alle Leserinnen und Leser ein frohes Fest und eine gute Zeit.

Meine Kolumne “Brüsseler Spitzen” erscheint alle 14 Tage im Gelnhäuser Tageblatt und befasst sich mit aktuellen Themen aus Brüssel