Brüsseler Spitzen - "Grenzenlos"

Grenzenlos

Schengen. Wer kennt den Namen des kleinen Örtchens nicht. Wenn wir mal wieder gut gelaunt in Urlaubsstimmung sind und endlich eingesehen haben, dass Europa doch nicht aus der Regulierung der Gurkenkrümmung besteht*, dann reden wir wieder über die Gemeinde in Luxemburg. Und vielleicht heute ganz besonders, wenn wir am ersten Tag nach den Osterferien von unserem Urlaub erzählen. Reihum stellen wir fest, dass Autobahnen in Belgien teilweise beleuchtet sind oder in anderen europäischen Ländern ein allgemeines Tempolimit gilt, – meistens jedenfalls, dass wir den Grenzübertritt so gar nicht bemerkt haben. Seit mehr als 20 Jahren kommen wir nun in einem Großteil von Europa ohne Grenzkontrollen aus. Denn im Frühjahr 1995 trat das sogenannte Schengen-Abkommen in Kraft.

Zehn Jahre zuvor, im Jahr 1985, trafen sich Vertreter von fünf EU-Staaten (Belgien, Niederlande, Luxemburg, Frankreich und Deutschland) auf einem Moselschiff ganz in der Nähe des Winzerdorfes Schengen. und haben das für die europäische Integration so bedeutsame Abkommen unterzeichnet. Die 4300 Seelen Gemeinde liegt im luxemburgischen Kanton Remich im “Dreiländereck” Benelux (dort gab es bereits einen freien Grenzübertritt), Frankreich und Deutschland. Sie befand sich damit mitten im Herzen des neuen freien Europas. Grenzenlos sollte es werden. Schluss mit stundenlangem Warten vor dem Grenzposten auf dem Weg an die holländische Nordseeküste und den möglichen Gepäckkontrollen auf Hin- und Rückreise.

Nach der fröhlichen Schifffahrt dauerte es noch zehn weitere Jahre bis alle Verfahrensabläufe geklärt wurden und das Abkommen endlich in Kraft trat. Heute umfasst der sogenannte Schengenraum fast alle Länder der EU sowie Norwegen, Island, Liechtenstein und die Schweiz. Bulgarien, Rumänien, Kroatien und Zypern werden zukünftige Mitglieder sein. Nur Irland und Großbritannien haben durchgesetzt, dass das Schengener-Abkommen bei ihnen keine Anwendung findet.

Schengen ist zu einem Symbol für das freie und vereinte Europa geworden. Millionen Europäer überqueren täglich die Grenze, sei es für den Urlaub, die Liebe oder die Arbeit. Fast 15 Millionen Europäer leben derzeit in einem anderen Mitgliedsstaat. Dieser Trend wird sich noch verstärken, sind doch heute bereits deutlich mehr als die Hälfte der jungen Europäerinnen und Europäer bereit, in einem anderen europäischen Land zu arbeiten. Wichtig dabei ist, dass Mobilität in Europa immer auf Freiwilligkeit beruht und nicht durch ökonomische oder politische Umstände erzwungen wird. So können wir alle durch den kulturellen und sprachlichen Reichtum profitieren, der Europa so einzigartig macht. Grenzenlos vereint in unserer Vielfalt – das ist dabei das entscheidende Leitbild, das uns in Europa gut tut.

*Auf der Homepage www.spd-europa.eu finden Sie die größten Mythen über die EU und eine Erklärung

Meine Kolumne “Brüsseler Spitzen” erscheint alle 14 Tage im Gelnhäuser Tageblatt und befasst sich mit aktuellen Themen aus Brüssel und Europa

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