Mit uns zieht die neue Zeit

Kolumne: Brüsseler Spitzen - Erschienen am 02.05.2016 im Gelnhäuser Tageblatt

Der 1. Mai, der Tag der Arbeit, Tag der Arbeiterbewegung oder Internationaler Kampftag der Arbeiterklasse. Es ist der Tag, an dem die Errungenschaften der Arbeiterbewegung gefeiert werden, an dem jenen gedacht wird, die für menschliche Arbeitsbedingungen gekämpft haben und dafür gestorben sind. In einer postindustriellen Arbeitswelt 2016 wirkt es vielleicht auf den ersten Blick eher anachronistisch, mit roten Fahnen durch die Innenstädte zu ziehen und den Tag der Arbeit mit Kundgebungen, Arbeiterliedern und roten Nelken zu begehen. Denn glaubt man dem Statistischen Bundesamt, gibt es sie nicht mehr, die Arbeiter. Die Arbeitswelt ist fair und gerecht – der Kampf um bessere Arbeitsbedingungen ist gewonnen, die Wochenarbeitszeit ist reguliert, Sicherheit und Gesundheit stehen in jedem Betrieb an erster Stelle. Es gilt der Kündigungsschutz, es gibt einen flächendeckenden Mindestlohn.

Können wir also in Zukunft den 1. Mai lediglich mit Maibaum-Aufstellen und Grillfesten verbringen? Es gibt sie noch, die Arbeits- und Lebensbedingungen, die uns auf die Strasse treiben sollten. Auch in der postindustriellen Arbeitswelt sind wir mit einer Ausbeutung konfrontiert, auf die wir eine Antwort finden müssen. Alleinerziehende Mütter, in Deutschland etwa, unterliegen dem größten Armutsrisiko aus Mangel an Betreuungsplätzen und Möglichkeiten der Teilzeitarbeit. Prekäre Arbeitsbedingungen findet man mittlerweile in allen Bereichen – befristete Verträge, unterbezahlte Beschäftigungsverhältnisse gibt es sowohl an Universitäten wie auch im Reinigungsdienst. Viele Rentnerinnen und Rentner müssen trotz lebenslanger Arbeit aufstocken. Feste Arbeitszeiten lösen sich auf, es greift um sich, dass Arbeitnehmer jederzeit und überall erreichbar sein müssen. Es gibt keine Ruhezeiten mehr, Wochenenden und Urlaub sind Verfügungsmasse des Arbeitsgebers. Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer werden durch Leiharbeit zu einer gesichtslosen Bestellware. Wir befinden uns einer Zeit, in der die klassischen gesellschaftlichen Unterschiede verwischen, Akademiker sind genauso betroffen wie Angelernte.

Die heutigen Arbeitsbedingungen sollten uns in Massen auf die Strassen treiben, stattdessen löst sich die Solidarisierung auf. Wir Sozialdemokraten müssen unseren Anspruch leben, dass wir solidarisch sind mit den Abgehängten, mit den prekär Beschäftigen, mit den Menschen, die kein Leben planen können, weil sie sich von einem befristeten Vertrag zum nächsten retten. Unsere Solidarität kann nicht nur innerhalb der gesicherten Zonen der Gesellschaft gelten, wir dürfen in einer neuen Arbeitswelt mit sich stetig ändernden Anforderungen die neuen Ausgebeuteten nicht aus den Augen verlieren. Für die Partei der internationalen Solidarität muss dies auch für Arbeitnehmer in Pakistan, China und in Vietnam gelten. Die Liste ist endlos. Unser Europa muss hier das Vehikel des internationalen Aufbruchs sein. Der 1. Mai, Tag der Arbeit und Internationaler Kampftag der Arbeiterklasse, ist aktueller denn je. Es wird Zeit, ihn so zu begreifen.

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