Dunkle Wolken zogen über Hessen auf. Die Europäische Kommission hatte in ihrer neuen Weinmarktordnung doch tatsächlich vorgeschlagen, dass sich ein Getränk nur noch dann Wein nennen darf, wenn es ausschließlich aus Rebensaft hergestellt ist. Dem Hessen schwante böses, denn dies wäre das Aus für die Bezeichnung Apfelwein. Das Vorgehen der EU-Kommission sorgte daher für reichlich Wirbel. Nicht nur in Hessen, sondern auch in Polen und den nordischen Ländern, die ebenfalls Frucht- und Obstweine produzieren.
Ein besseres Gespür für die Lebenswirklichkeit der Menschen und ihre regionalen Traditionen wäre angebracht gewesen. So gibt es unser hessisches Nationalgetränk schon seit vielen Jahrhunderten. Dass man auch aus Äpfeln Wein machen kann, war bereits den Germanen bekannt. Unbestätigten Berichten zur Folge, soll dieser "Zaubertrank" auch dazu beigetragen haben, die Römer entlang des Limes in Schach zu halten. Die Bezeichnung Apfelwein (Lateinisch: Vinum-Malus) sah die Römer kommen und gehen, überstand Kriege und Naturkatastrophen und soll nun an der europäischen Bürokratie scheitern? Wohl eher nicht!
Diesem ausgemachten Unsinn wurde ein Ende gesetzt. Nach Protesten aus zwölf EU-Mitgliedsstaaten hat die zuständige Kommissarin Fischer Boel die weiße Fahne gehisst und Entgegenkommen signalisiert. Dabei geht es bei dem Konflikt im Kern um die Herstellung von Wein und nicht um Apfelwein. In Deutschland und anderen Ländern wird bei schlechten Jahrgängen zusätzlich Zucker vergoren, um den benötigten Alkoholgehalt zu erreichen. Das ist den südländischen Weinproduzenten ein Dorn im Auge. Der Streit um die Namensgebung bei Apfelwein ist erst im Gefolge davon aufgetreten.
Natürlich lassen wir Hessen nichts auf unser Stöffsche kommen. Deshalb wird unser Nationalgetränk auch in Zukunft Apfelwein heißen. Der Hessischen Landesregierung war das Problem seit Wochen bekannt. Sie hat es absichtlich zu einer Wahlkampfnummer aufgebauscht, um sich auf Kosten Europas zu profilieren. Als sich Ministerpräsident Koch medienwirksam einschaltete, war der Fall hinter den Kulissen schon längst zu Gunsten des Apfelweins entschieden. Der Wortführer der Apfelwein-Gegner im Europäischen Parlament ist übrigens der Italiener Castiglione, ein Fraktionskollege der CDU/CSU-Abgeordneten. Es wäre wünschenswert, wenn sich die Konservativen zukünftig innerhalb der Europäischen Volkspartei besser koordinieren und dort genauso leidenschaftlich für die Interessen Hessens streiten würden, wie sie es in den Boulevardblättern tun.