Lohnspielräume nutzen
In Zeiten der Krise scheinen manche Menschen von plötzlicher Einsicht überwältigt zu werden. Anders ist es kaum zu erklären, dass der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank, Josef Ackermann, nunmehr nach Interventionen des Staates ruft. Ebenjenes Staates, der ansonsten gerne als Hemmschuh für die freie Entfaltung des Martes gegeißelt wird.
In guten Zeiten sollen die Gewinne der Banken nämlich möglichst reichlich und ungehindert in die Taschen der Aktionäre und Manager fließen. Dafür waren die Banker bereit, immer größere Risiken einzugehen. Sie haben sich jedoch gehörig verspekuliert. Jetzt soll es der Staat, und damit letztlich der Steuerzahler, richten und den strauchelnden Finanzinstituten das Risiko abnehmen. Dabei geht es Ackermann und seinen Kollegen angeblich nur darum, die Stabilität der Finanzmärkte zu sichern und Schaden von der Wirtschaft abzuwenden. Dieses Argument ist nicht von der Hand zu weisen, denn es wäre fahrlässig, Banken wie die IKB der Insolvenz zu überlassen.
Allerdings dürfen Ursache und Wirkung nicht miteinander vermischt werden. Grund für die Misere ist das Handeln der Bankmanager. Sie sind zwar hoch bezahlt aber völlig überfordert, angesichts der Komplexität der Finanzprodukte, in die sie fahrlässig investiert haben. Es winkte der schnelle Gewinn, während die Risiken im Unklaren blieben. Auch neun Monate nach Beginn der am amerikanischen Hypothekenmarkt ausgelösten Finanzmarktkrise, wissen viele Banken nicht, welche Ausfälle letztendlich auf sie zukommen. Das belastet das Vertrauen der Banken untereinander. Geld wird entweder gar nicht mehr oder nur zu schlechten Konditionen verliehen. In der Folge verteuern sich auch Kredite für Unternehmen wie für Verbraucherinnen oder Verbraucher. Gerade bei Handwerkern und kleinen Betrieben kann dies schnell zu einer Existenzfrage werden.
Hinzu kommt, dass die USA auf absehbare Zeit als Motor für die Weltwirtschaft ausfallen und Staaten wie China und Russland ihr Geld lieber in Staatsfonds anlegen, als die Rolle der Konjunkturlokomotive zu übernehmen. Um die Auswirkungen der Krise zu begrenzen, muss Europa deshalb die Binnennachfrage stärken. Dazu zählen faire Lohnrunden. Seit Jahren wird der Spielraum für eine bessere Bezahlung der Beschäftigten in der EU nicht ausgenutzt. Gerade Deutschland versucht seine Wettbewerbsfähigkeit mittels Lohnverzicht zu verbessern, anstatt in Bildung, Forschung und Entwicklung zu investieren. Dies geht auf Kosten der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer und fördert die Lohnkonkurrenz innerhalb der Europäischen Union. Wer die reale Wirtschaft stärken will, muss jetzt die Kaufkraft der Beschäftigten erhöhen. Gleichzeitig ist dringend mehr Transparenz bei den Aktivitäten der Banken geboten. In Zukunft muss gelten: verspekulieren sich Banken und Manager, stehen sie stärker als bisher mit eigenen Kapital dafür gerade.